Auf einzigartige Weise hat sich hierbei im 20. Jahrhundert die Fächerstadt selbst in die Förderung neuer Architekturströmungen eingebracht: Karlsruhe begann bereits 1911 mit der Gartenstadt Rüppurr, das Thema Stadt innovativ zu denken. 1926 legte Baubürgermeister Schneider dann einen umfassenden Generalbebauungsplan vor, der sowohl modernste Ideen im Wohnungsbau – wie die Dammerstock-Siedlung – als auch Meilensteine in Bezug auf städtisches Grün beinhaltete. Die Wahl Karlsruhes als Standort für das Bundesverfassungsgericht nach dem 2. Weltkrieg sowie die Bundesgartenschau 1967 belebten abermals den Bau modernster Gebäude in Karlsruhe.

Die Grand Tour der Moderne in der Fächerstadt Karlsruhe

Das Bauhaus findet man nur in Berlin, Dessau oder Weimar? Keineswegs! Die Fächerstadt Karlsruhe ist mit gleich zwei Objekten – der Dammerstock-Siedlung und der Schwarzwaldhalle – in der Grand Tour der Moderne vertreten. Wer aus den vorgeplanten Architektur-Routen wählen möchte, kann auf der dreitägigen Tour „Avantgarde erkunden“ über die Landeshauptstadt Stuttgart und Ulm nach Karlsruhe reisen. Mit dem Besuch der Siedlung Dammerstock erlebt man ein eindrucksvolles Beispiel der Zeilenbauweise von Walter Gropius. In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich außerdem das Slow-Food-Restaurant ERASMUS, das sich in einem Bauhaus-Gebäude befindet.

Neben dem Weissenhof in Stuttgart ist die Dammerstocksiedlung in Karlsruhe eines der wichtigsten Zeugnisse des Neuen Bauens im Südwesten Deutschlands. Unter Mitwirkung von Walter Gropius, Otto Haesler und vielen anderen Architekten entstand das Wohngebiet 1929 in nur sieben Monaten Bauzeit als Mustersiedlung des sozialen Wohnungsbaus. Die Stadt Karlsruhe hatte mit ihrem Wohnungsbauprogramm und der daran geknüpften Wettbewerbsausschreibung von 1928 klare Schwerpunkte gesetzt: Der Dammerstock sollte kein Spielfeld für die künstlerische Avantgarde sein, sondern realisierbare Antworten auf die soziale Wohnungsfrage liefern.
© Stadtarchiv, 8 Bildstelle III 0357

Die Vielfalt des Neuen Bauens

Ob architektonisch-demokratische Transparenz im Bundesverfassungsgericht, 60er-Jahre Charme in der Milchbar im Zoologischen Stadtgarten oder imposant auskragende Tribünenüberdachung in Deutschlands ältester Technischen Hochschule – Zahlreiche Architekten des Modernen Bauens haben in Karlsruhe ihre Spuren hinterlassen und das Stadtbild nachhaltig geprägt.

Die rege Förderung moderner Antworten auf aktuelle Bau- und Wohndiskurse durch die städtische Verwaltung mündete neben dem Dammerstock in gleich mehreren strategisch angelegten Stadtvierteln:
Die Gartenstadt in Karlsruhe-Rüppurr wurde 1907 gegründet und gehört mit der Dresdener Hellerau zu den ersten Gartenstädten Deutschlands. Nach angelsächsischem Vorbild sollte hier in unmittelbarer Stadtnähe ein gesundes, naturnahes Leben zu erschwinglichen Preisen möglich werden. Nach Entwürfen von Friedrich Ostendorf und Max Läuger öffnet sich vom zentralen Ostendorfplatz mit mehreren Ladengeschäften die Siedlung in Richtung Osten. Aufgrund der unterschiedlichen Wohnbedürfnisse der Bewohner waren verschiedenartige Haustypen konzipiert, die das Gesamtbild abwechslungsreich gestalten.

Vor 100 Jahren wurde das Architekturbüro Pfeifer & Großmann mit dem Bebauungsplan der ersten Siedlung der Gemeinnützigen Baugenossenschaft Hardtwaldsiedlung (1919 als Mieter- und Handwerker-Genossenschaft gegründet) in der heutigen Nordstadt beauftragt. Die Straßen, von kleinen Plätzen unterbrochen, sind vorwiegend in Nord-Süd-Zeilen angelegt. Der Idee der Gartenstadt folgend, gehört zu jedem Haus ein eigener, großer Nutzgarten. Die Gärten liegen einander zugewandt und sind durch Fußwege, sog. „Mistwege“, miteinander verbunden. Den „Kopf“ und heutiges Erkennungszeichen der Siedlung bildet der Waldring mit seiner halbkreisförmigen Doppelhaus-Bebauung.

Der Bau des Naturschutzzentrums (ehem. Städtische Vogelwarte) von Walter Merz bildet gemeinsam mit dem Rheinstrandbad, welches sich in Teilen an der Dammerstock-Siedlung orientierte, den zentralen Teil von Baubürgermeister Schneiders Grünraumplanung für den „Rheinpark Rappenwört“. Hier legte Schneider den Grundstein für einen angewandten, naturkundlichen Unterricht der Karlsruher Schulen. Aber auch in der Bekämpfung der Stechmücken spielte die Vogelwarte eine Schlüsselrolle. Die unterschiedliche Nutzung der Innenräume ergab die Gruppierung der ein- bis dreigeschossigen vier Bauteile: das Wohnhaus des Leiters, der Unterrichtsraum, das Vogelhaus und die Gehilfenwohnung. Trotz wechselnder Funktion ist das Gebäude bis heutige fast unverändert geblieben. Zuletzt wurde es im April 1997 als Naturschutzzentrum wiedereröffnet.

Das ZKM wurde 1989 mit der Mission gegründet, die klassischen Künste ins digitale Zeitalter fortzuschreiben. Deshalb wurde es von Gründungsdirektor Heinrich Klotz auch das „elektronische“ bzw. „digitale Bauhaus“ genannt.
© KTG Karlsruhe Tourismus GmbH

„Die ganze Welt ein Bauhaus“

Seit 1997 ist das ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe gemeinsam mit der Hochschule für Gestaltung und der Städtischen Galerie im sog. Hallenbau A (gebaut 1918) der ehem. Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken AG, später Industriewerke Karlsruhe-Augsburg (IWKA), untergebracht. Nachdem bereits Künstlergruppen durch Besetzung der Räume in den 1980er Jahren auf eine mögliche kulturelle Nutzung hingewiesen hatten, wurde der Stahlbetonskelettbau durch das Architekturbüro Schweger + Partner ab 1993 umgebaut.

Statt auf Maschinen setzt das ZKM auf Medien und statt Material auf Daten. Seit seiner Gründung vor 30 Jahren beleuchtet es in Forschung, Produktion, Veranstaltungen und interaktiven Ausstellungen die Wechselbeziehungen zwischen Kunst und Medien, Digitalisierung und Gesellschaft.

2019 nimmt es dieses avantgardistische Gedankengut auf in der internationalen ifa-Wanderausstellung „Die ganze Welt ein Bauhaus“ (26.10.2019 – 16.02.2020), welche zuvor in Argentinien und Mexiko zu sehen war. Der Titel ist Programm: „Die ganze Welt ein Bauhaus“ ist ein Zitat des Bauhausschülers und -lehrers Fritz Kuhr (1928). Es spielt auf die Auflösung der Grenzen zwischen Kunst, Handwerk und Technik, wie sie der Bauhaus-Gründer Walter Gropius proklamiert, an. Alles ist Design – und die Schaffung einer modernen Umgebung kreiert auch den modernen Menschen.

Neben dem einzigartigen Fächergrundriss um das barocke Schloss war Karlsruhe seit dem frühen 20. Jahrhundert ein wichtiges Zentrum für die Förderung des Neuen Bauens. Zahlreiche architektonische Zeugen der regen Bautätigkeit können 2019 und darüber hinaus von Interessierten besichtigt werden. Gezielte Führungsangebote sowie eine Übersicht spezifischer Veranstaltungen zum Themenjahr finden Sie in der Broschüre „Bauhaus 2019 und das Moderne Bauen in Karlsruhe“ über diesen Link.

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Architektur des Südwestens!